Bürgerbahn statt Börsenbahn


Prof. Dr. Heiner Monheim (V.i.S.d.P.), Nikolausstr. 14, 54290 Trier, Fon 0651 47270 oder 2014550, Fax 06512014551

Presseerklärung zum 2. InterRegio Tag am 3.5. 2001


Geplante InterRegio-Streichungen gefährden Mobilität in der Region Saar-Lor-Lux



Die Initiative Bürgerbahn statt Börsenbahn* – die von namhaften Experten aus Verkehrswissenschaft, Verkehrspolitik und Verkehrsverbänden getragen wird – kritisiert aus Anlaß des zweiten deutschen InterRegio-Tages am 3.Mai 2001 massiv die Pläne von Bahnchef Mehdorn, das InterRegio-Fernzug-System zum nächsten Fahrplanwechsel ab Juni deutlich auszudünnen und ab 2003 völlig einzustellen. Der Trierer Vertreter in der Initiative, der Geograph und Verkehrsplaner Prof. Heiner Monheim, weist darauf hin, daß die Region Saar-Lor-Lux von diesen Kahlschlagplänen besonders negativ betroffen ist, weil auf der Saar, der Mosel und im weiteren Verlauf der Rheinschiene wichtige IR-Linien bisher für eine gute Anbindung der Mittelzentren und Oberzentren gesorgt haben. Viele bisherige IR- Bahnhöfe werden damit vom Schienenfernverkehr abgehängt, z.B. Trier, Luxemburg, die Mittelzentren an Saar und Mosel und am Rhein. Trier wird damit keine hochwertigen Fernzughalte mehr haben. Diese Angebotsstreichungen werden in der ohnehin schon mit Autoverkehr überlasteten Saar-Lor-Lux-Region zu einer weiteren Verstopfung der Straßen führen und die Erreichbarkeit und Standortqualität der Mittel- und Oberzentren beschädigen. So gefährdet die Bahn eine nachhaltige, zukunftsträchtige Mobilität durch ein verschlechtertes Bahnangebot. Viele Pendler und viele Touristen sind auf der Moselstrecke, Saarstrecke und Rheinschiene zwischen den Ballungsräumen Luxemburg, Saarbrücken, dem Oberzentrum Trier, den Zentren der Regionen Rhein-Neckar, Rhein-Main, Köln-Bonn, Ruhrgebiet und Münsterland von dieser drohenden Kahlschlagpolitik betroffen. Die Ankündigung der Bahn, einen Teil der Züge mit neuen „InterRegionalExpress-Zügen“ des Nahverkehrs zu ersetzen, ist Augenwischerei. Denn dort gibt es kein Bistro, kein Fahrradabteil, keine Reservierungsmöglichkeiten, keine attraktive 1. Klasse und auch keine modern gestaltete Innenausstattung in IR-Qualität. Die Initiative Bürgerbahn statt Börsenbahn fordert die Politik in den betroffenen Städten und Regionen auf, bei der DB AG deutlich gegen diese Pläne zu protestieren und mehr Marktorientierung zu zeigen, mit einem deutlich verbesserten Fernverkehrsangebot. Gerade für diese wichtigen touristischen Flußtäler, die auch durch ein dichtes Siedlungsband begleitet werden, seien solche Angebotsstreichungen fatal.


1. Saar, Mosel und Rheinschiene besonders vom InterRegio-Sterben betroffen. Von den geplanten Streichungen attraktiver InterRegio-Verbindungen besonders betroffen sind die Täler der Saar, der Mosel und die Rheinscheine. Die Verbindungen ins Saarland und nach Luxemburg, in den Odenwald und in den Hunsrück, in den Schwarzwald, in den Oberrheingraben und in das Alpenvorland, an die Nordsee und an die Ostsee werden gekappt. Zum Teil handelt es sich dabei um Direktverbindungen, zum Teil um gut vertaktete Umsteigerverbindungen. Eine Katastrophe bedeuten die Pläne der Bahn auch für viele Kur- und Bäderorte im Reiseland Deutschland. Die Bahn sabotiert mit diesen Plänen die Stoßrichtung der Städte, Regionen und der Wirtschaft, die Saar-Lor-Lux-Region national und international erfolgreich zu vermarkten. Nahverkehr ist keine Alternative zum Schienenfernverkehr – auch nicht mit dem geplanten neuen Produkt eines Inter-Regional-Express. Für Geschäftsreisende, aber auch für Familien mit Urlaubsgepäck oder Reisegruppen ist der Nahverkehr auf längeren Strecken nicht attraktiv genug. Also wandern die Kunden zum Auto ab.


2. Saar-Lor-Lux – Stauland der Zukunft? Noch mehr Staus sind damit in der Saar-Lor-Lux-Region zu den werktäglichen Stauzeiten, aber vor allem auch zu den Hauptreisezeiten, an Wochenenden, Brückenfeiertagen und zu Ferienzeiten programmiert. Schon heute sind die Staus auf den Straßen ein Negativ-Attribut und halten viele Reisewillige davon ab, die staubetroffenen Regionen anzufahren. Deshalb fordert die Initiative Bürgerbahn statt Börsenbahn Bund, Länder und Kommunen auf, den geplanten Kahlschlag der Bahn zu verhindern. Die Region Saar-Lor-Lux drohe ohne Fernbahnnetz provinziell zu werden und gegenüber besser erschlossenen Bahnländern wie Frankreich, Schweiz, Österreich und Niederlande an Konkurrenzfähigkeit zu verlieren.


3. Bürgermeister und Landräte müssen aktiv werden: Die Initiative fordert Bürgermeister und Landräte, Industrie- und Handelskammern, Einzelhandelsverbände, Fremdenverkehrsverbände und Umweltverbände auf, weiterhin gegen diese kundenfeindliche und marktferne Rückzugsmentalität zu protestieren. Der beispielhaften Reise der Politik mit einem modernen Triebwagen in die Landeshauptstadt Mainz müsse jetzt bald eine ähnlich engagierte Protest-Reise zum Bahnvorstand nach Frankfurt oder Berlin folgen. Vor allem müsse verhindert werden, daß die Bahn dreist in die Kassen des Nahverkehrs greife und auf diese Weise verhindere, daß im Nahverkehr die nötigen Angebotsverbesserungen finanziert werden können. Die kommunale und regionale Politik müssten ihren Widerstand besser koordinieren und massiver vortragen, denn die einzelnen regionalen und lokalen Initiativen ignoriere die Bahn kaltschnäuzig.



4. Kahlschlag zeigt maximale Kundenfeindlichkeit: Bahnchef Mehdorn zeige eine erstaunliche Ignoranz gegen seine bisherige Kundschaft im IR. Denn auch auf der Model seien die IR-Züge ausreichend ausgelastet, in der Hauptsaison oft sogar überlastet. Statt die Züge zu streichen, sei es viel sinnvoller, für die weniger gut ausgelasteten Zeiten kürzere Züge einzusetzen. Die IR-Züge seien bei den Fernpendlern, bei den Touristen und bei vielen Geschäftsleuten wegen des guten Service sehr beliebt. Mehdorn verschenke mit dem Kahlschlag zukunftsträchtige Marktpotenziale. Moderne Bahnländer machen das Gegenteil, sie bauen InterRegio-Verbindungen aus! Zum Beispiel die Niederlande und die Schweiz. In beiden Ländern verfolgen die Bahnvorstände eine gegenteilige Politik, von der der deutsche Bahnvorstand nur lernen könne. Dort werde gerade ein neues InterRegio-System aufgebaut, um die internationalen Hauptachsen besser mit dem Rest des Landes zu vernetzen.


5. Wirtschaftsminister sollen sich einmischen: Die Initiative fordert auch die Wirtschaftsminister von Bund und Ländern auf, bei ihren Verkehrskollegen und dem Bahnvorstand "Dampf" zu machen, dass die Bahn endlich eine Marktoffensive mit neuen, modernen, kundengerechten Produkten starte. Die Wirtschaft müsse ihren Protest gegen die Kahlschlag-Sabotage deutlicher als bisher artikulieren. Denn ohne attraktive Fern-Schienenanbindung seien die meisten deutschen Regionen im internationalen Wettbewerb nicht erfolgreich vermarktbar. Die Initiative fordert auch Bundeskanzler Schröder auf, sich des Themas im Interesse moderner Mobilitätssicherung anzunehmen. Das Thema gehöre auf die Tagesordnung im Kabinett. Auch die Ministerpräsidenten sollten ihre Wirtschafts- und Verkehrs-Ressorts zu Erhalt und Modernisierung des InterRegio-Systems mobilisieren. Der Bund als Eigentümer dürfe der Bahn die mutwillige Sabotage eines beliebten, funktionierenden Verkehrsträgers nicht einfach freistellen. Das Eisenbahn-Fernverkehrs-Netz in Deutschland dürfe nicht kaputtsaniert werden. Das sei sonst genauso, als ob man 1/3 aller Autobahnen und Bundesstraßen einfach sperre. Gerade für eine nachhaltige Verkehrsentwicklung sei eine gute Schienen-Erreichbarkeit von hoher Bedeutung. "Amputierte Netze" mit vielen vom Schienenfernverkehr abgehängten Regionen und Städten hätten keine Chance im Wettbewerb. Im Bahnstandard weit unter der Netzqualität der Nachbarländer zu bleiben, sei eine Katastrophe für den Standort Deutschland.


6. Innovative Produkte der Schienenfahrzeugindustrie systematisch für den InterRegio nutzen. Bahn-Kunden verlangten leichte Erreichbarkeit und hohen Reisekomfort. Den müsse die Bahn endlich im ganzen Netz bieten und nicht nur auf ein paar Hauptkorridoren mit IC- und ICE-Verbindungen. Die von der Schienenfahrzeugindustrie entwickelte, neue Generation leichter Fernverkehrstriebzüge (ICT mit Elektro- und Dieselantrieb und Neigetechnik, mit Automatikkupplung und der wirtschaftlichen Möglichkeit der Flügelung zu Halb- und Drittelzügen) müsse sofort auch im InterRegio-System eingesetzt werden. Dabei könne das Innen-Design dem sehr beliebten InterRegio nachempfunden werden, das mache die neuen Züge weit wirtschaftlicher als das ICE-Design. Auch die Blaue Linie im Außendesign sollte beibehalten werden. Die Initiative rechnet der Bahn vor, daß sie mit 600 Zügen auf 40 Linien auf Anhieb 100 Millionen Fahrgäste hinzugewinnen könne. So könne die Bahn alle 940 Mittel- und 120 Oberzentren sowie alle Tourismusregionen angemessen – im Stundentakt – verbinden! Mit entsprechendem Marketing seien weitere Leistungssteigerungen im InterRegio-Verkehr möglich. Damit rechne sich ein solches System.


7. Nahverkehr darf nicht finanziell geplündert werden. Ein Hauptmotiv der Bahn für ihre Sabotage-Strategie ist die Hoffnung auf finanzielle Beteiligung der Länder mit ihren Nahverkehrsmitteln am Nachfolgeprodukt „Interregional-Express“. Doch diese Strategie ist sachlich falsch. Die Reisenden im InterRegio seien eindeutige Reisende im Fernverkehr, mit durchschnittlicher Reiseweite von 170 km. Der Nahverkehr brauche sein Geld dringend, um die anstehenden Qualitätsverbesserungen zu finanzieren. Mehdorn verfolge mit dem Griff in die Nahverkehrskassen eine törichte Kannibalisierungs-Strategie auf dem Rücken der Bahnkunden, mit der er am Ende zwei verkehrspolitisch wichtige Produkte beschädige: die Bahn im Nahverkehr und die Bahn im Fernverkehr. Übrig bleibe dann eine "kleine, feine (Sch)Rumpfbahn, mit marginalen Restanteilen am Verkehrsmarkt. So mache man am Ende die Bahn als Ganzes kaputt. Offenbar fehle es im Bahnvorstand an zündenden Ideen für eine Vorwärts-Strategie einer erfolgreichen, bürgernahen, kundenfreundlichen Bahn. Hier könne die Initiative "Bürgerbahn" viele fundierte Anregungen geben, mit dem Konzept für eine attraktive Flächenbahn im ganzen Land.





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* Die Initiatoren von "Bürgerbahn statt Börsenbahn" sind u.a. Matthias Freitag (Frankfurt/Main), Gewerkschaft TRANSNET; Klaus Gietinger, Autor, Fernseh-Regisseur ("Daheim sterben die Leut´", "Heinrich der Säger", "Tatort"); Johannes Hauber, Betriebsrat ADtranz Mannheim; Hans-Joachim Kernchen, Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer; Andreas Kleber, Hotelier ; Professor Dr. Heiner Monheim, Geograph und Stadtplaner; Professor Dr. Jürgen Rochlitz, Initiative „Güterzüge statt Laster“ und von 1994 bis 1998 Bundestagsabgeordneter; Hermann Scheer, Mitglied des Deutschen Bundestags und Präsident Eurosolar, Träger des alternativen Nobel-Preises 1999; Gangolf Stocker, Initiative Leben in Stuttgart; Dr. Winfried Wolf, Mitglied des Deutschen Bundestags und Autor "Eisenbahn und Autowahn"